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Starthilfe aus der Röhre

24.03.2011

Röhrenförmige Wachstumshüllen, sogenannte „Tubes“, bieten Jungpflanzen bei der Wiederaufforstung Schutz vor Wild. Das zeigen Versuche im Regionalforstamt Siegen-Wittgenstein.

Diethard Altrogge, Leiter des Regionalforstamtes Siegen-Wittgenstein, war äußerst skeptisch. „Die kommen mir nicht in den Wald – das war meine erste Reaktion. Anfangs war ich ein großer Feind dieser Röhren, denn für mich sahen sie einfach grausam aus.“ Heute, knapp vier Jahre später, ist er von ihnen regelrecht begeistert. Das Forstamt Siegen-Wittgenstein ist, neben dem Kommunalforstamt Brilon, eines von zweien in Nordrhein-Westfalen, das bei Pflanzungen großflächig mit Wuchshüllen arbeitet. 155000 Stück sind es seit dem Orkan Kyrill. Die Erfahrungen mit dem neuen Verfahren sind gut. „Es bietet große wirtschaftliche Vorteile, viele Vorteile für die kleinen Pflanzen und auch für Wald und Wild“, betont Altrogge. Gatter, die das Wild aussperren, gibt es nicht mehr. Sie wären auch viel teurer.

Ziel: Aufforstung mit wenig Aufwand

Im Staatswaldbezirk Fellinghausen, der sich im südwestlichen Kreuztal befindet, rieben sich die Bürger am Morgen des 19. Januar 2007 verwundert die Augen. Kyrill, der in der Nacht mit über 220km/h über die Region fegte, hatte dort ganze Arbeit geleistet. Den vertrauten Wald mit den 100-jährigen Fichten, gemischt mit Lärchen, gab es nicht mehr. An seiner Stelle gähnte nur noch ein kahler Bergrücken mit einer 70ha großen Windwurffläche. Weil dieser Bereich die für das Hauptschadensgebiet typischen Strukturen aufwies, wählte der Landesbetrieb Wald und Holz NRW den Staatswaldbezirk Fellinghausen im Forstamt Siegen-Wittgenstein für sein Pilotprojekt und als Anschauungsobjekt für verschiedene Wiederbeladungskonzepte aus. Eines dieser Konzepte funktioniert mithilfe der Tubes. So werden die doppelwandigen Wuchshüllen aus dem Kunststoff Polypropylen (PP) auch genannt. „Entwickelt wurde das Verfahren in England. In Deutschland setzt das Forstamt Baden-Baden diese Hüllen bereits seit einigen Jahren ein“, sagt Altrogge. Im Schwarzwald nämlich hatte Orkan Lothar am 26. Dezember 1999 besonders heftig gewütet. Die Förster dort griffen deshalb erstmals zu Wuchshüllen. Dort informierten sich auch die Förster aus dem Rothaargebirge, als Kyrill sie plötzlich vor die Riesenaufgabe stellte, über 5000 ha Schadensfläche zu bewalden. Und das unter schwierigen Voraussetzungen: „Wir hatten wenig Pflanzen, und wir hatten wenig Geld.“

Tubes lassen Jungpflanzen gedeihen

In der Folge wurden zum Beispiel auf der Versuchsfläche im Staatswald Fellinghausen Traubeneichen im Weiterverband gepflanzt, um nun einen Eichen-Mischbestand mit begleitenden, wertbringenden Gehölzen zu begründen. Mancher Waldbesucher mag sich über den ungewohnten Anblick gewundert haben, den die Wuchshüllen zunächst bieten. Den jungen Traubeneichen aber bekamen die grünlich-halbtransparenten Röhren außerordentlich gut. Kräftig entwickelt, sind die Triebeden schützenden Röhren bereits entwachsen. Kein Wild konnte ihnen etwas anhaben – auch nicht in den vergangenen beiden Wintern, die im Siegerland von hohen Schneelagen und wochenlangem Notzeiten geprägt waren. Dennoch mussten die Rehe nicht ausgesperrt bleiben. Sie konnten sich zwischen den Wuchshüllen frei bewegen. „Die Tubes wirken wie Mini-Gewächshäuser. Darin fühlen sich die Pflanzen pudelwohl, was ihnen Wuchsvorteile von vielen Jahren verschafft“, erklärt der Forstamtsleiter. Genügend Licht dringt durch die hellgrün eingefärbte, doppelwandige Hülle. Löcher im unteren Teil der Röhren sorgen dafür, dass die Luft zirkuliert und die Pflanze atmen kann. Zudem sei der junge Baum nicht nur vor verbiss, sondern auch vor extremem Wetter geschützt. Große Vorteile bietet die Hülle außerdem beider Jungwuchspflanze „Die Pflanze in den Tubes mäht mir nämlich niemand mehr um. Die sieht man auf jeden Fall“, merkt Altrogge an.

Kostenersparnis gegenüber Gatterung

Ein wesentliches Argument sind die Pflanzkosten. Diese liegen deutlich niedriger als bei gegatterten Flächen. Bei 180 gepflanzten Bäumen im Sortiment 1/0 30-50 ( 1-jähriger Sämling in 30-50cm Größe) auf der Pilotfläche im Staatswald Fellinghausen ergaben sich Begründungskosten von 440€/ha. “Wir kommen bei der Douglasie auf einen Unterschied gegenüber Gatterflächen von 2000 €/ha und bei der Eiche sogar auf einen Finanzvorteil von 7000 €/ha , so Altrogge. Dabei beziehe sich der Unterschied allein auf die Pflanzung , die Vorteile im Aufwuchs und bei der Kulturpflege seien darin noch nicht eingerechnet. Auch der Pflanzvorgang, für den in Fellinghausen der “Göttinger Fahrradlenker eingesetzt wurde, verläuft einfacher. “Man muss nicht erst Schlagabraum beiseiteräumen. Die Wuchshüllen steckt man einfach dorthin, wo Platz ist. Wir brauchten die Bäume nur in die Lücken zu pflanzen. Die Bäume können übrigens auch gern Sämlinge sein. Die sind preiswerter als verschulte Ware und werden außerdem gut geschützt früh an das Umgebungsklima gewöhnt. Durch die hohe Sicherheit, das die Pflanzen durchkommen werden sparen wir sehr viel Geld”, argumentiert der Forstmann.

Auch das Wild profitiert

Ein weiterer nicht zu unterschätzender Vorteil liegt darin dass der jagdliche Wert der Fläche nicht mehr durch Gatter gemindert wird. Jagd und Wild werden anders als beim Gatter praktisch nicht beeinträchtigt. “Wild, das wir sonst ausgrenzen mussten, kann jetzt weiterhin frei an Äsung gelangen. Wir konzentrieren das Wild nun nicht mehr auf angrenzende Flächen!, erläutert Altrogge aus jagdlicher Perspektive. Dennoch bleiben die Kulturpflanzen verschont, besser sogar als in manchem Gatter. Das muss nämlich gewartet und kontrolliert werden. Ist es zum Beispiel de, Schwarzwild gelungen , Zäune irgendwo anzuheben, folgen die Rehe nicht selten nach. So könnte das Verfahren, die neu angelegten Kulturen mit den Wuchshüllen zu schützen, auch in der aktuellen Diskussion um die Frage “Wald vor Wild” eine Rolle soielen. Denn in den Hüllen sind Knospen sicher, bis der junge Baum dem Äsungsbereich des Rehwildes entwachsen ist. Die Jäger sind nach Aussage Altrogges mit der Lösung sehr zufrieden.
Noch nicht ganz geklärt ist die Frage, was mit den Hüllen geschehen soll, wenn sie der Baum nicht mehr benötigt. “Wir prüfen zurzeit, ob wir sie erneut verwenden können” , sagt Manfred Gertz, Fachbereichsleiter im Regionalforstamt Siegen-Wittgenstein. Wird die Hülle nicht entfernt, so sprengt sie der Baum eines Tages an einer Sollbruchstelle. Der Kunststoff würde unter dem Einfluss des Sonnenlichts irgendwann zerfallen. “Aber nach Möglichkeit möchten wir auch bis dahin nichts im Wald hinterlassen”, so Gertz. Den Wanderern und Spaziergängern macht übrigens der gewohnte Anblick der Wuchshüllen spätestens dann kaum noch etwas aus, wenn der umgebende Bewuchs einigermaßen hoch und dicht ist - also nach etwa vier bis fünf Jahren. Und irgendwann sind auch die riesigen Wunden, die Kyrill in den sauersiegerländischen und Wittgensteiner Wald schlug, geheilt.

Veröffentlicht im Landwirtschaftlichen Wochenblatt "Waldbauer" - Author: Klaus-Peter Eilert

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