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Presseartikel aus dem Holzzentralblatt: "Wuchshüllen – Erfahrungen, Probleme, Chancen"

05.05.2012

Politiker interessieren sich für die Tubex Wuchs- und SchutzhüllenAm 30. März 2012 besuchte der ehemalige Landwirtschaftsminister Baden-Württembergs und heutiger Oppositionsführer im Stuttgarter Landtag, Herr Peter Hauk, das Städtische Forstamt Baden-Baden. Grund für diesen Besuch war eine Initiative der Firma Hess – Interforst aus Kirchzell, die Herrn Hauck einlud, sich über Erfahrungen, Probleme, Chancen und zukünftige Entwicklungen der Wuchshüllen zu informieren. Hess war einer der ersten, der Kulturen mit Wuchshüllen ausgeführt hat und der Städtische Forstbetrieb Baden-Baden war der erste große Nachfrager nach diesem Produkt als Folge der umfangreichen Kahlflächen resultierend aus Orkan „Lothar“, Weihnachten 1999.

Weltweit wird seit den 1980er Jahren von Wuchshüllen in der Forstwirtschaft Gebrauch gemacht. Der Erfinder, Graham Tuly, experimentierte damit 1978 in England, wo heute auch der größte Markt in Europa für Wuchshüllen existiert. Dort werden gegen 10 Millionen Stück/Jahr verwendet. Eine bahnbrechende Fortentwicklung kam jedoch aus Frankreich, wo Christian Dupraz die ventilierte Wuchshülle entwickelte, die zum heutigen Produkt „Ventex“ der Firma Tubex, einer englischen Firma des Konzerns Fiberweb, führte. Anwendung findet die Wuchshülle heute neben der Forstwirtschaft insbesondere im Weinbau, aber auch im Obstbau und in der Landschaftspflege.

Was ist eine Wuchshülle? Kurz gesagt, ein Mini-Gewächshaus, in dem die junge Pflanze optimal mit dem Lichtspektrum, das die Photosynthese benötigt, und ausreichend mit CO2 versorgt wird. Die CO2-Versorgung erfolgt optimiert durch den Kamineffekt der Ventilationslöcher. Neben Wasser die zwei wesentlichsten Voraussetzungen für die Photosynthese und damit das Wachstum der Pflanze. Lufttemperatur und Luftfeuchtigkeit werden reguliert und tierische Einflüsse auf das Wachstum des Bäumchens (Reh, Hirsch, Hase, Maus) werden durch den mechanischen Schutz verhindert. Die Folge davon ist ein hohes Anwuchsprozent und ein schnelleres Wachstum des Sprosses, der nach zwei Vegetationsperioden in der Regel aus der Hülle herausschaut.
Ein anderer Vorteil der Wuchshülle ist, dass durch das beschleunigte Wachstum von Anfang an kleine Pflanzen verwendet werden können, die eine fast natürliche Wurzelentwicklung aufweisen und der Konkurrenzflora davon wachsen können. Das wirkt sich vielfältig auf der betriebswirtschaftlichen Seite aus: Auf die Anzahl der Pflanzen je Hektar, die Kulturpflege, die Kosten für das Pflanzenmaterial und die Pflanzkosten selbst.

Warum der Besuch in Baden-Baden? Baden-Baden war am Westhang des Schwarzwaldes besonders von Orkan „Lothar“ betroffen. 2000 Hektar waren mehr oder weniger kahl und sollten unter Berücksichtigung des zu erwartenden Klimawandels zukünftig als Mischwald wieder bewaldet werden. Die Flächen waren vom Sturm kartiert, also war Stabilität gefordert und das Bewusst sein für das Risiko augenfällig. Als Risikominimierung standen im Vordergrund: Ein intaktes Wurzelwerk der zu pflanzenden Bäumchen und eine Anreicherung der vielfach vorhandenen und noch zu erwartenden Naturverjüngung (auch aus der Samenbank des Bodens) mit Baumarten, die dem Klimawandel am ehesten gerecht werden und auch die Bestimmungen der Landesförderrichtlinien erfüllen. Schließlich wurde mit 20 verschiedenen Baumarten aufgeforstet. Last not least waren auch betriebswirtschaftliche Überlegungen Pate gestanden und die Frage, wer wohl die 2000 Hektar Kulturpflege nicht nur finanziell, sondern auch tatsächlich mit Arbeitskräften durchführen kann.

Lösung: Die Antwort war bei Tubex Wuchshüllen gefunden worden. Es wurden 350.000 Stück in zwei Tranchen gekauft. Nicht wissend, dass Baden-Baden damit mit Abstand der erste große und wichtigste Kunde der Engländer auf dem Kontinent geworden war. Die Wuchshülle schien einige essentielle Funktionen des Anforderungsprofils zu erfüllen: Verwendung kleiner ein- bis zweijähriger Sämlinge, die für eine optimale Wurzelentwicklung standen; problemlose Ergänzung der vorhandenen Naturverjüngung, Verwendung betriebswirtschaftlich interessanter oder für die Landschaftsgestaltung geeignete, seltene Baumarten, wie zum Beispiel die Wildkirsche, die ohne Verbiss und Fegeschutz nicht möglich gewesen wäre; Erfüllung der Fördervoraussetzungen, wie zum Beispiel 40 % Laubholzanteil in der Kulturen. Gegenüber der Alternative Zaunbau erschien das Konzept Wuchshülle fast wie ein Sorglospaket: Sicherung gegen tierische Einflüsse, fast keine Kulturpflege in den nächsten fünf Jahren trotz Adlerfarn und Brombeere auf vielen Flächen, keine Zaunkontrollen, Lohnkosten wurden durch die Investition in die Wuchshülle ersetzt.

Erfahrungen nach einer Dekade: 2000 Hektar Kahlflächen sind heute Jungbestände in vielfältiger Mischung. Naturverjüngung und Kunstverjüngung haben sich harmonisch ergänzt. In Wuchshüllen wurden die Nadelbaumarten Douglasien und Lärche sowie die Laubbaumarten Traubeneichen, Roteichen, Bergahorn, Wildkirsche und Wildobstarten angebaut. Gewisse Probleme ergaben sich bei der Buche in 1,20 m hohen Röhren im Gegensatz zu 0,60 m hohen Röhren, wo die Buche gut gedieh. Ferner scheint die normale Ventex-Röhre bei Überschirmung nicht geeignet und auch der zu erwartende Zersetzungsprozess der Röhre, der nach 8 Jahren einsetzen sollte, lässt noch auf sich warten. Insbesondere wegen dieser Problempunkte war der Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung der Firma Tubex, Dr. Bhukan Parbhoo, mit bei der Exkursion anwesend. Parbhoo nahm zu den drei Problemfeldern wie folgt Stellung:

Problem Buche. Es ist bekannt, dass Buchen in höheren Hüllen ihr Wachstum nicht zwangsläufig nach oben beschleunigen. Sie versuchen teilweise, aus den Ventilationslöchern herauszuwachsen. Die Firma empfiehlt daher die Verwendung von Wuchshüllen bei Buche nur bedingt. Um das Problem zu lösen wurde versuchsweise eine neue Hülle entwickelt, die eine andere Lichtdurchlässigkeit hat und auch eine andere Konstruktion der Ventilationslöcher. Ein Versuchsanbau wird im Forstamt Baden-Baden durchgeführt.

Problem Zersetzung. Die Hüllen aus Polypropylen zersetzen sich grundsätzlich unter der Einwirkung von UV-Strahlen. Eine ursprüngliche Forderung der europäischen Forstwirtschaft an die Firma Tubex war eine Haltbarkeit von 15 Jahren. Tatsächlich wollte die Firma mindestens 8 Jahre garantieren. Erfahrungen bestanden hauptsächlich aus den Anbauten in England. Hier wurden fast ausschließlich landwirtschaftliche Böden unter Verwendung von Tubex-Wuchshüllen aufgeforstet. Die Flächen wurden durch Verwendung von Herbiziden frei von Konkurrenzflora gehalten und die Röhren damit einer intensiven UV-Strahlung ausgesetzt. Die Erfahrungen in Deutschland und hier insbesondere in Baden-Baden, die durch mehrere Untersuchungen des Zersetzungsfortschritts an den verwendeten Hüllen gestützt sind, zeigen jedoch, dass durch die Art der forstlichen Nutzung hier eine wesentlich geringere UV-Belastung der Röhre gegeben ist. Zum einen ist die UV-Strahlenbelastung in Deutschland geringer als in England, aber vor allem die Beschattung durch Konkurrenzflora, benachbarte Naturverjüngung und letztlich auch die sich dann entwickelnde Krone des gepflanzten Bäumchens bewirken ein vollkommen anderes UV-Belastungsprofil als in England. Seit einer Reihe von Jahren werden daher die derzeit in Deutschland angebotenen und verkauften Wuchshüllen bereits mit deutlich weniger UV-Stabilisatoren ausgerüstet als die ersten Lieferungen, wie sie Baden-Baden zum Beispiel erhalten hat. Um das Problem jedoch optimal zu lösen, wird derzeit auf einer größeren Versuchsfläche in Baden-Baden mit verschiedenen UV-Stabilisatoren, Katalysatoren und Materialzusammensetzungen experimentiert. Aus diesem Anlass bedankte sich Parbhoo ausdrücklich für die Möglichkeit, diese Versuche durchzuführen, beim Städtischen Forstamt, der Stadt Baden-Baden, die durch ihren Bürgermeister Hirt vertreten war, und den beteiligten unabhängigen Forschungsinstituten in Rottenburg- Waldbauinstitut- und Universität Swansee, England, sowie den drei deutschen Importeuren von Tubex-Artikeln, den Firmen Hess Interforst, Schmidt Forstschutz, Beck & Böder, die sich finanziell an den Versuchen beteiligt haben.

Problem Pflanzung unter Schirm. Um die Pflanzung unter Schirm (z. B. Voranbau) mit Tubex-Wuchshüllen zu ermöglichen, wurde eine weitere Serie von Versuchen mit verschiedenen neuartigen Produkten gestartet, die eine bessere Lichtdurchlässigkeit durch die Wuchshüllen erwarten lassen. Besonderes Augenmerk gilt hier der Baumart Weißtanne. Die Ergebnisse der Versuche bleiben abzuwarten.

Insgesamt wurde deutlich, dass sich die Firma Tubex der Probleme der deutschen Forstwirtschaft bewusst ist und sich intensiv um Antworten und Lösungsvorschläge bemüht. In seinen Schlussbemerkungen hob MdL Peter Hauk neben seinem Dank an die beteiligten Firmen und das Städtische Forstamt vor allem zwei Gesichtspunkte hervor:
1. Mit der Wuchshülle steht der Forstwirtschaft ein funktionierendes, betriebswirtschaftlich und ökologischinteressantes System zur Wiederbewaldung von Freiflächen, vor allem nach Katastrophen für fast alle Baumarten zur Verfügung.
2. Die offenen Fragen Zersetzung der Hüllen, Wachstum der Buche und Verwendung der Hüllen unter Schirm werden intensiv bearbeitet und wohl auch in Zukunft einer Lösung zugeführt.

Dr. Anton Hammer
HammerRuppertConsulting

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